Carl Runefelt erinnert sich an ein anderes YouTube. Der schwedische Creator, bekannt bei seinen 650.000 Abonnenten als Carl Moon, macht seit 2017 Krypto-Videos. Er sagt, dass dieser Bärenmarkt einen Einbruch der Zuschauerzahlen gebracht hat, den er nicht erwartet hätte.
In einem Interview mit BeInCrypto schilderte Runefelt die Situation deutlich.
„Sogar im Bärenmarkt 2018, also am Tiefpunkt, hatte ich mehr als doppelt so viele Aufrufe wie jetzt.”
Dieser eine Satz zeigt eine grundlegende Entwicklung, mit der die gesamte Krypto-Creator-Branche aktuell zu kämpfen hat. Krypto-YouTube, früher der wichtigste Kanal für Retail-Entdecker der Anlageklasse, erlebt aktuell seine bisher größte Krise.
Zahlen, Plattform-Muster, Entlassungen in der Branche und Suchtrend-Daten zeigen alle in dieselbe Richtung.
Die Plattform wird feindlich
Im April 2026 entfernte YouTube mehrere Krypto-Kanäle in einer Aktion, die das Unternehmen als Bekämpfung von „schädlichen und gefährlichen“ Inhalten begründete.
Die Löschung betraf insgesamt rund 35 Millionen Abonnenten der betroffenen Creator, darunter den Hauptkanal von Bitcoin.com, der seit 2015 aktiv war.
Für führende Creator, deren Kanäle noch bestehen, ist die Plattform, die Krypto-YouTube aufgebaut hat, kein verlässliches Zuhause mehr. Runefelt beschreibt das allgemeine Muster.
„Ich habe andere Kanäle überprüft und es scheint überall ähnlich zu sein. Es gibt nur sehr wenige YouTube-Kanäle, die noch wirklich gute Aufrufzahlen haben.”
Er betont, dass der Druck nicht nur auf seinen eigenen Kanal beschränkt ist und dass er seit 2017 über verschiedene Marktzyklen hinweg YouTube-Videos gemacht hat. Kein vorheriger Bärenmarkt hat einen solchen Rückgang der Zuschauerzahlen gebracht.
Der Einbruch der Aufrufzahlen in Zahlen
In einem weiteren Auftritt im Matt Haycox Show Podcast Ende 2025 nannte Runefelt konkrete Zahlen zum Rückgang. Während des Spitzenwertes im Jahr 2021 erreichten seine Videos regelmäßig 100.000 bis 200.000 Aufrufe pro Video.
Anfang 2026, bei einem Bitcoin-Kurs von fast 76.500 USD, lag der Bereich dann nur noch bei etwa 15.000 bis 20.000 Aufrufen pro Upload.
Zum Vergleich: Im Tiefpunkt des Bärenmarkts 2018 hatte er mehr als doppelt so viele Aufrufe wie heute, obwohl sein Kanal in den sieben Jahren seitdem weiter gewachsen ist und zusätzliche Abonnenten gewonnen hat. Diese Entwicklung ist für eine übliche Bärenmarkt-Phase nicht typisch. Es handelt sich eher um einen strukturellen Einschnitt.
Carls Diversifikation
Vor diesem Hintergrund richtet Runefelt mittlerweile offen seinen Fokus neu aus. Er erklärte BeInCrypto, dass er nun viel Energie in Motorsport-Rennen und Musik steckt.
„Ich konzentriere meine Energie auch auf andere Dinge außerhalb von Krypto… heutzutage Motorsport-Rennen. Und ich beschäftige mich mehr mit meiner Musik, weil ich das Musikmachen liebe.”
Seine Haltung ist nicht von Verzweiflung geprägt, sondern von einer bewussten Entscheidung.
„Das Leben ist zu kurz, um rund um die Uhr mit Bärenmärkten zu kämpfen. Ich habe das schon ein paar Mal gemacht und will auch Spaß haben, solange es noch möglich ist.”
Runefelt verlässt die Kryptowelt nicht. Er veröffentlicht weiterhin regelmäßig Inhalte und investiert zudem weiter in Start-ups über TheMoon Group, die bereits mehr als 350 Projekte unterstützt hat. Doch nach siebeneinhalb Jahren Wachstum auf seinem Kanal, der nun rückläufig ist, ist seine Entscheidung, sich neben der Krypto-Creator-Rolle auch anders aufzustellen, das ehrlichste Signal im gesamten Interview.
Apathie als Messwert
Der Einbruch der Aufrufzahlen ist nicht nur ein gefühltes Problem, sondern inzwischen messbar. Benjamin Cowen, Gründer von Into The Cryptoverse, ist einer der lautesten Stimmen, wenn es um die Daten geht.
Cowens Bitcoin Social Risk Chart, den er auf seinem X-Account veröffentlicht hat, zeigt die Bitcoin-Kurs-Historie abhängig von der sozialen Aktivität farblich codiert an.
In den Hochphasen 2017 und 2021 ist der Chart leuchtend rot und orange – ein Zeichen für sehr hohe Retail-Beteiligung. Das Hoch im Jahr 2025, bei viel höheren Bitcoin-Kursen, ist hingegen blau eingefärbt und weist auf geringe Beteiligung hin.
Wie Cowen es in seiner BeInCrypto-Berichterstattung formuliert, endete dieser Zyklus mit Apathie statt Euphorie.
Die Auswirkung auf Creator ist direkt: Es gab in diesem Zyklus nie eine euphorische Zuschauer-Spitze. Daher sind die Aufrufzahlen, auf die Creator im Jahr 2021 ihre Geschäftsmodelle gebaut haben, vermutlich eine historische Ausnahme und kein typisches Bärenmarkt-Tief.
Google Trends Daten zeigen das gleiche Ergebnis. Das globale Suchinteresse an „Bitcoin“ lag Anfang 2026 oft nahe dem Tiefpunkt des vergangenen Jahres, obwohl der Bitcoin-Kurs deutlich über 70.000 USD notierte.
Der Schmerz der gesamten Branche
Runefelt beschrieb in dem Interview ein Muster, das sich inzwischen bestätigt hat.
„Sogar die Börsen, normalerweise verdienen nur die Börsen Geld. Ich habe aber gesehen, dass viele Börsen Schwierigkeiten haben, massiv Leute entlassen und einige sogar insolvent werden.“
Die aktuellen Zahlen bestätigten seine Einschätzung schnell.
Im Mai 2026 gab Coinbase bekannt, rund 700 Stellen oder 14% der Beschäftigten abzubauen. Vorausgegangen war ein Nettoverlust von 667 Millionen USD im vierten Quartal 2025 sowie ein Rückgang der Einnahmen um 21,6% im Jahresvergleich .
Crypto.com kündigte im März 2026 ebenfalls einen Abbau von 12% der Stellen an. Damit fielen etwa 180 Arbeitsplätze weg. Die kleinere Börse Bit.com bestätigte eine schrittweise Schließung zwischen Dezember 2025 und März 2026.
Auch über die Handelsplattformen hinaus ist der Rückgang im Krypto-Arbeitsmarkt zu spüren.
Die Zahl der Krypto-Stellenangebote ist im Jahresvergleich um etwa 80% gesunken. Die Kürzungen bei den Börsen werden durch Entlassungen bei Unternehmen wie Gemini, Algorand, Block, MARA Holdings, OKX, MANTRA, Polygon Labs und Messari ergänzt. Dieser Rückgang ist strukturell, nicht saisonal bedingt.
David Wulschner: Eine andere Sicht
David Wulschner, Moderator des deutschsprachigen Kanals Crypto Familie, sieht die Situation aus einer anderen Perspektive. Er startete seinen Kanal Mitte 2022, also am Tiefpunkt des vorherigen Zyklus.
„Ich habe meinen Kanal Mitte 2022 gegründet, als wir wirklich am Tiefpunkt des Zyklus waren, und das hat viel Spaß gemacht.“
Für neue Creator ist die größte Herausforderung dieses Bärenmarkts nicht der Rückgang bei den Aufrufen, sondern der emotionale Druck in der Community gewesen.
„Was für mich als neuer Content Creator im Bärenmarkt wirklich schwierig war, waren die Emotionen, das Feedback und das, was man von der Community teilweise direkt ins Gesicht bekommt.“
Wulschner sieht den Bärenmarkt als Arbeitsphase, nicht als Marketingphase.
„Gewinne entstehen nicht im Bullenmarkt. Im Bärenmarkt legt man seine Ziele fest, schafft die Basis und sichert seine grundlegenden Positionen im Portfolio.“
Diese Einschätzung widerspricht Runefelts Ansicht nicht. Beide, der erfahrene und der neue Akteur, ziehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln dieselbe Schlussfolgerung. Beide sehen die aktuelle Situation als Neuanfang, nicht als Ende.
Marktbereinigung
Im Interview stellte Runefelt den Zusammenbruch der Krypto-YouTube-Welt nicht als Tragödie dar. Er sieht darin eine grundlegende Marktbereinigung.
„Meistens ist genau das nötig, um alles Schlechte, die Betrugsmaschen und diejenigen, die nicht aus Überzeugung dabei sind, auszusortieren. Einige sind nur wegen des schnellen Geldes da. Bevor es wieder aufwärtsgeht, muss dies bereinigt werden. Das gehört einfach zum Zyklus.“
Die Creator, die diesen Zyklus überstehen, sind vermutlich diejenigen, die ihr Geschäftsmodell an eine geringere Reichweite als 2018 anpassen, ihre Inhalte über Kursprognosen und Pump-Spekulationen hinaus ausbauen oder – wie Runefelt – ihre Identität über den Begriff Krypto-Creator hinaus entwickeln.
Krypto-YouTube stirbt nicht, doch es verkleinert sich. Die neue Form, die am Ende dieses Zyklus entsteht, wird sich stark von der der vergangenen vier Jahre unterscheiden.
Carl Moon, der den Weg vom Supermarktjob in Stockholm zu einem der meistgesehenen Krypto-Kanäle weltweit geschafft hat, wird wohl weiterhin präsent sein. Er wird nur nebenbei Musik machen und Autorennen fahren.