04.05.2026, 7:23 Uhr

Aleksandr Vat von Ethplorer: Die Altseason auf Ethereum fand bereits statt

Bei der , dem Leiter der Geschäftsentwicklung bei Ethplorer.io, um über die neue Aggregierte Ethereum Rich List des Unternehmens zu sprechen.

Ethplorer meint, dass bisherige Ethereum Rich Lists immer irreführender werden, weil sie Wallets nur nach ETH-Beständen bewerten. Die neue Rangliste betrachtet dagegen den gesamten USD-Wert jeder Adresse, einschließlich ETH, ERC-20-Token und Stablecoins.

Foto von Aleksandr Vat

Foto bereitgestellt von Aleksandr Vat

Nach Ansicht von Vat ergibt sich dadurch ein anderes Bild für Ethereum-Vermögen, Liquidität und Risiko. Dies führt auch zu einer der provokanteren Schlussfolgerungen von Ethplorer: Altseason hat möglicherweise bereits stattgefunden, aber auf Bilanzen und nicht in Kursen.

Die Rich List von Ethereum hat sich verändert

BeInCrypto: Sie haben auf der Konferenz mit der Community über das neue Ethereum-Ranking gesprochen. Was ist die Aggregierte Ethereum Rich List und warum wurde sie von Ethplorer erstellt?

Aleksandr Vat: Ethplorer hat die Rich List von Ethereum neu erstellt, indem Adressen nicht nur nach ETH, sondern nach dem gesamten USD-Wert sortiert werden. Dazu zählen ETH, ERC-20-Token und Stablecoins.

Die Aggregierte Rangliste der Ethereum-Adressen basiert auf totalBalanceUsd, anders als herkömmliche Listen, die nach ethBalanceUsd sortieren. Das Ziel war einfach. Rankings, die nur ETH einbeziehen, zeigen keine reale wirtschaftliche Macht mehr auf Ethereum.

BeInCrypto: Was war grundsätzlich falsch an den herkömmlichen, nur auf ETH basierenden Rankings?

Aleksandr Vat: Rankings, die nur ETH einbeziehen, lassen den größten Teil des Kapitals außen vor. Heute liegen rund 66% des Wertes außerhalb von ETH, vor allem in Token und Stablecoins. Das bedeutet, Listen mit reinem ETH-Bezug vermitteln ein verzerrtes Bild davon, wer Liquidität und Risiko kontrolliert.

BeInCrypto: Was war die wichtigste Erkenntnis, als Sie das Ranking erstmals neu aufgebaut haben?

Aleksandr Vat: Die größte Veränderung war, dass sich die gesamte Hierarchie verschoben hat. Dieselben 10.000 Top-Adressen halten beinahe drei Mal mehr Kapital, wenn Token berücksichtigt werden. Viele Player, die zuvor kaum sichtbar waren, sind plötzlich dominant geworden.

Ethereum wird zunehmend von Einheiten dominiert

BeInCrypto: Vitalik Buterin hat Ethereum als eine Plattform gesehen, auf der Code Vermögen verwaltet. Ist diese Vision Wirklichkeit geworden?

Aleksandr Vat: Es sind inzwischen vermehrt Systeme und nicht mehr einzelne Personen. Smart Contracts, Börsen und Liquiditätszentren kontrollieren jetzt einen großen Anteil des Kapitals. Ethereum ist weniger auf große Einzelpersonen ausgerichtet und stärker auf Einheiten (wie Protokolle und Pools).

Entscheidend ist, dass wir dies nun messen können. In ETH-basierten Rankings blieb diese Veränderung fast unsichtbar. Sobald man aggregierte Bilanzen betrachtet, wird deutlich, dass ein großer Teil des Kapitals bereits von Smart Contracts, DeFi-Protokollen, Brücken und Liquiditätspools kontrolliert wird. Etwa 28% des gesamten Kapitals werden heute von solchen Systemen verwaltet.

Es bleibt also nicht bei einer Vision, sondern ist nun eine erkennbare strukturelle Realität.

„Altseason hat bereits stattgefunden“

BeInCrypto: Sie sagen: „Altseason hat bereits stattgefunden.“ Was meinen Sie damit?

Aleksandr Vat: Altseason ist nicht verschwunden. Sie hat sich von den Kursen in die Bilanzen verlagert.

Zwischen 2017 und 2021 stellte ETH den Großteil des wirtschaftlichen Werts auf Ethereum dar, während Token und Stablecoins eine untergeordnete Rolle spielten.

Diese Struktur hat sich seitdem verändert. Ab 2022 und 2023 hatten die auf Token lautenden Bilanzen wirtschaftlich gesehen das Niveau von ETH erreicht.

Im Aggregierten Ethereum-Rating 2026 dominiert ETH die Portfolios nicht mehr. Die obersten 10.000 Adressen hielten zum Ende März 2026 rund 342 Milliarden USD als Gesamtwert. Davon machten ETH 116,5 Milliarden USD und damit ungefähr 34% aus, während die restlichen 66% in Token denominiert waren.

BeInCrypto: Warum hat der Markt das übersehen?

Aleksandr Vat: Weil die Menschen auf Kurse achten und nicht auf die Zusammensetzung der Bilanzen. Während die Charts stabil blieben, wurde Kapital unbemerkt auf Token, Stablecoins und Smart Contracts verteilt.

BeInCrypto: Sehen wir nun einen anderen Marktzyklus?

Aleksandr Vat: Ja. Der Markt geht von der Preisfindung zur Machtfindung über. Die entscheidende Frage ist nicht mehr nur „Wie hoch ist der Kurs?“, sondern „Wer kontrolliert Liquidität und Risiko?“

Bedeutung für Investoren und Analysten

BeInCrypto: Was bedeutet das für Investoren konkret?

Aleksandr Vat: Es ändert die Risikobeurteilung. Sie sollten nicht nur auf Kurse oder Marktkapitalisierung achten, sondern auch analysieren, woraus ein Bestand besteht. Handelt es sich um externes Kapital oder selbst ausgegebene Token?

BeInCrypto: Wie sollten Analysten ihre Arbeit mit diesen Daten überdenken?

Aleksandr Vat: Analysten müssen von Narrativen zu Analysen der Zusammensetzung wechseln. Bedeutend ist, aggregierte Bestände, Kapitalquellen und Abhängigkeiten zu untersuchen, und nicht ausschließlich TVL oder den Kurs einzelner Token zu betrachten.

BeInCrypto: Verändert dies die Interpretation von TVL und Marktkapitalisierung?

Aleksandr Vat: Ja. Beide Kennzahlen können durch selbst ausgegebene Token verzerrt sein. Ohne Verständnis der Bilanzzusammensetzung können Sie die reale ökonomische Stärke überschätzen.

Der Printing-Press Index

BeInCrypto: Was ist der Printing-Press Index und warum haben Sie ihn eingeführt?

Aleksandr Vat: Der Printing-Press Index, oder PPI, misst, wie viel von einem Portfolio aus dem eigenen Token eines Projekts besteht. Er hilft, echtes Kapital von intern geschaffenen Werten zu unterscheiden.

Die Formel ist einfach:

PPI entspricht dem USD-Wert der eigenen Token eines Projekts geteilt durch den gesamten USD-Wert der vom Projekt gehaltenen Token. Anders gesagt, zeigt der PPI den Anteil des eigenen Tokens eines Projekts im Portfolio an.

BeInCrypto: Was hat der PPI über DeFi, zentrale Börsen, Bridges und Layer-2-Blockchains gezeigt?

Aleksandr Vat: DeFi ist deutlich stärker auf selbst ausgegebene Token angewiesen als zentrale Akteure. Im Durchschnitt ist der Wert etwa doppelt so hoch, 14,7% im Vergleich zu 6,9%.

Bridges und Layer-2-Blockchains zeigen sogar einen noch höheren PPI, etwa 34,8%. Zum Teil ist das strukturell, weil diese oft native Token für Liquidität und Staking benötigen. Dies erhöht jedoch auch das Risiko durch die Abhängigkeit vom Token-Kurs.

BeInCrypto: Ab welchem Wert wird der PPI riskant?

Aleksandr Vat: Unter etwa 20% ist es normal. Bei mehr als 40% bis 50% wird das System instabil und anfällig für Reflex-Kollaps-Dynamiken.

BeInCrypto: Können Sie Beispiele aus der Praxis für hohes PPI-Risiko nennen?

Aleksandr Vat: UST-LUNA ist das extreme Beispiel. Das System war fast vollständig durch den eigenen Token gedeckt, was zu einem sogenannten Death Spiral geführt hat.

Ein weiteres Beispiel ist FTX. Schon eine Exposure von circa 40% in FTT hat ausgereicht, um unter Druck zum Zusammenbruch zu führen. Das zeigt, dass ein hoher PPI nicht extrem sein muss, um gefährlich zu werden.

ETH ist weiterhin wichtig: Es ist jedoch nicht mehr die ganze Geschichte

BeInCrypto: Steht ETH weiterhin im Mittelpunkt der Wirtschaft von Ethereum?

Aleksandr Vat: ETH ist weiterhin wichtig, aber es ist nicht mehr der dominante Wertspeicher in großen Portfolios. Nur rund 34% des Kapitals großer Halter liegt in ETH. Die anderen 66% liegen außerhalb von ETH, in anderen Token.

BeInCrypto: Was hat Sie bezüglich der Entwicklung der Adressen am meisten überrascht?

Aleksandr Vat: Der Generationswechsel. Die meisten großen Adressen in der aggregierten Rangliste sind deutlich neuer, was zeigt, dass Kapital vermehrt über DeFi und Token einsteigt.

Im ETH-Top-Ranking sind etwa ein Drittel der Wallets älter als fünf Jahre. In der aggregierten Rangliste sind fast 60% jünger als zwei Jahre.

Aggregierte Adressen sind zudem rund 25% aktiver. Sie zeigen größere Veränderungen bei den Beständen und eine höhere Volatilität, da sie echte Liquiditätsflüsse widerspiegeln, statt passives ETH-Halten.

Scheinbares Token-Vermögen herausfiltern

BeInCrypto: Wie gehen Sie mit gefälschten oder künstlich aufgeblähten Token-Beständen um?

Aleksandr Vat: Wir nutzen Liquiditäts-Filter. Das heißt, wir schließen Bestände aus, die nicht realistisch verkauft werden könnten, ohne den Markt zu bewegen.

Ohne Filterung können Token mit niedriger Liquidität die Ranglisten künstlich aufblähen und die reale Marktmacht falsch darstellen. In der Kryptowelt ist es relativ einfach, einen Token zu erstellen, ihm durch schwachen Handel einen Preis zuzuweisen und große Bestände vorzutäuschen.

Um das zu verhindern, wenden wir eine Reihe von Prüfungen an. Wir achten auf minimale Handelsaktivitäten, sowohl aktuell als auch historisch. Zudem prüfen wir, ob die Marktkapitalisierung konsistent ist, und bewerten, ob ein Bestand im Markt realistisch verkauft werden könnte.

Die Logik dahinter ist einfach. Wenn Sie Ihre gesamte Position realistisch nicht innerhalb von etwa zwei Wochen verkaufen könnten, stellt dieser Bestand kein echtes liquides Kapital dar und sollte im Ranking nicht verzerren.

Das Problem mit dem Beacon Deposit Contract

BeInCrypto: Vor diesem Interview haben wir uns traditionelle Ethereum-Ranglisten von bekannten Plattformen angesehen. Eine Sache fiel sofort auf: Der Beacon Deposit Contract hält scheinbar fast 70% des Ethereum-Netzwerks. Analysieren wir tatsächlich nur das Muster der übrigen 30% des Marktes?

Aleksandr Vat: Genau das ist das Problem bei ETH-basierten Ranglisten. Sie zeigen ein verzerrtes Bild.

Der Beacon Contract ist kein echter Halter. Er ist ein technisches Einzahlungsregister für das Staking. Das ETH dort wird nicht von einer einzelnen Einheit kontrolliert und kann auch nicht von dieser Adresse abgezogen werden.

Wenn dort also „70% des Marktes“, also rund 83 Millionen ETH, angezeigt werden, spiegelt das weder echte Marktmacht noch Muster am Markt wider. Es handelt sich um eine technische Zahl.

In Wirklichkeit liegt das aktive Staking näher bei 39 Millionen ETH. In einer aggregierten Sicht, die auch handelbare Token und Stablecoins einbezieht, macht das aktive Staking nur etwas über 10% des gesamten Kapitals im Ökosystem aus.

Wir analysieren also nicht nur 30% des Marktes. Rund 10% sind im Staking gebunden. Die übrigen 90% bilden den Teil, in dem der Markt tatsächlich aktiv ist, Kapital bewegt, handelt und im Ökosystem verteilt wird.

Entwicklung der Rangliste

BeInCrypto: Wie lange hat es gedauert, diese Rangliste zu entwickeln?

Aleksandr Vat: Es gibt keine feste Zeitspanne, da dies kein eigenständiges Projekt war. Ethplorer verarbeitet seit Jahren Token-Daten, konzentriert sich auf die Bewertung in USD und filtert minderwertige Vermögenswerte heraus.

Irgendwann erreichte die Datenqualität und -abdeckung ein Niveau, das eine vollständige, aggregierte Rangliste ermöglicht hat. Ab da haben wir daraus ein strukturiertes Produkt gemacht.

BeInCrypto: Was war am schwierigsten?

Aleksandr Vat: Die Daten zu bereinigen, vor allem Spam-Token, Preisinconsistenzen und die Zusammenführung der Einheiten.

BeInCrypto: Welches Feedback haben Sie von der Community erhalten?

Aleksandr Vat: Großes Interesse und rege Diskussionen, vor allem, weil die Rangliste verbreitete Annahmen über Ethereum in Frage stellt.

BeInCrypto: Haben Sie darüber mit Branchenvertretern auf der Paris Blockchain Week gesprochen?

Aleksandr Vat: Ja, die Reaktionen waren unterschiedlich, von Neugier bis Skepsis. Das ist normal, wenn Sie eine neue analytische Methode vorstellen.

Fazit

BeInCrypto: Was ist das wichtigste Ergebnis Ihrer Forschung?

Aleksandr Vat: Die Ethereum-Rich-List zeigt heute nicht mehr nur Wohlstand, sondern den Kapitalfluss und die Verteilung von Risiken.

BeInCrypto: Wie würden Sie die Veränderung in einem Satz zusammenfassen?Aleksandr Vat: Früher beobachteten wir nur Kontostände, jetzt verstehen wir die Kapitalstruktur.