08.05.2026, 11:59 Uhr

Warum EZB-Präsidentin Christine Lagarde Europas Antwort auf den GENIUS Act ablehnt

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, lehnt Forderungen nach auf Euro lautenden Stablecoins ab. Sie argumentiert, dass diese die internationale Rolle der Währung nicht stärken könnten und zudem die Bankenfinanzierung im Euroraum destabilisieren könnten.

Bei ihrer Rede auf dem LatAm Economic Forum der Banco de España in Roda de Bará, Spanien, stellte Lagarde ihre Ausführungen als direkte Erwiderung auf den US GENIUS Act und die Ansicht dar, dass Europa mit einem eigenen Ersatz für den US-Dollar reagieren müsse.

Zwei Funktionen: Eine unterschiedliche Politik

Lagarde unterscheidet Stablecoins nach zwei Funktionen, um ihre Argumentation aufzubauen. Sie meint, dass die Vermischung dieser Funktionen die europäische Politik verfälscht habe.

  • Die monetäre Funktion erweitert die globale Reichweite einer Reservewährung.
  • Die technologische Funktion ermöglicht Abwicklungen auf der Blockchain für tokenisierte Vermögenswerte.

Stablecoins erreichen inzwischen eine Marktkapitalisierung von mehr als 324 Milliarden USD. Fast 98% dieser Stablecoins sind auf den US-Dollar ausgestellt, wobei Tether und Circle zusammen etwa 90% davon herausgeben.

Marktkapitalisierung von Stablecoins
Marktkapitalisierung von Stablecoins. Quelle: DefiLlama

Die Transaktionsvolumina betragen bereits 7,7% des BIP in Lateinamerika sowie 6,7% in Afrika und im Nahen Osten. Mit diesen Zahlen zeigt Lagarde, dass der US-Dollar außerhalb Europas eine größere Reichweite als der Euro habe.

„Stablecoins verringern diese Hürden, da digitaler Zugang schneller und einfacher ist als Bargeld und auch Sparer in Ländern erreicht, in denen schwache Währungen das Ersparte entwerten können. In Volkswirtschaften, in denen der Zugang zu einer stabilen Währung bisher stark eingeschränkt war, machen die Transaktionsflüsse bereits rund 7,7% des BIP in Lateinamerika und 6,7% in Afrika und im Nahen Osten aus”, erklärte sie.

Der US GENIUS Act, unterschrieben 2025, sieht eine bundesweite Stablecoin-Aufsicht als zu vergleichen, die seit 2024 gilt.

Branche stellt Lagardes Sicht auf Europas Alternativen infrage

Allerdings lehnen Kritiker außerhalb des Bankensektors Lagardes Sichtweise ab. Rand Hindi, Gründer des Verschlüsselungsunternehmens Zama, äußerte einen deutlichen Gegenpunkt aus der Praxis.

„Und dennoch übernimmt tatsächlich die gesamte Entwicklungswelt den US-Dollar, vor allem dank USDT. Das ist der nächste Petrodollar, das ist jedem klar, der vor Ort war …”, stellte er fest.

Hindi wies außerdem auf die Dollar-Nutzung innerhalb Europas hin. Er behauptet, dass europäische Start-Ups Kapital in US-Dollar aufnehmen, Rechnungen in US-Dollar stellen, Zahlungen in US-Dollar leisten und den Euro nur für Steuerzwecke nutzen.

Lagarde nutzte ihre Rede, um auf Infrastrukturprojekte hinzuweisen, die das Eurosystem bereits vorantreibt. So wird das Pontes-Projekt ab September Blockchain-Plattformen für die Großabwicklung in Zentralbankgeld mit TARGET verknüpfen.

Die Roadmap Appia strebt bis 2028 ein vollständig interoperables europäisches Blockchain-Ökosystem an. Bereits Anfang 2024 wurden rund 1,6 Milliarden Euro in 50 Transaktionen über neun Jurisdiktionen abgewickelt.

Lagarde argumentierte, dass ein öffentliches Fundament es MiCAR-konformen Stablecoins und tokenisierten Bankeinlagen ermöglichen würde, in einem sicheren Umfeld zu konkurrieren, ohne dass die Abwicklung an US-Dollar-Emittenten abgegeben wird.

Die Gegensätze sind nun klar erkennbar.

  • Washington baut mit privaten Stablecoins eine Festung rund um den US-Dollar.
  • Frankfurt setzt auf öffentliche Infrastruktur und eine stärkere Kapitalunion, damit der Euro auf der Blockchain relevant bleibt.

Abonnieren Sie unseren YouTube-Kanal, um Experteneinschätzungen von Führungskräften und Journalisten zu erhalten.