Bitcoins On-Chain-Daten haben Werte erreicht, die normalerweise nur an den Tiefpunkten von Zyklen auftreten, obwohl der Kurs bisher erst um rund 40% vom Allzeithoch zurückgegangen ist. Dieser Rückgang liegt deutlich unter den 75% bis 85% Einbrüchen früherer Bärenmärkte.
Sechs viel beachtete Indikatoren zeigen in dieselbe Richtung. Sie beschreiben einen Markt, der einen Neustart erlebt hat, ohne dass zuvor ein Höhenrausch erreicht wurde, während langfristige Halter nicht verkauft haben.
Bitcoin-Zyklus: Kapitulation ohne Einbruch
Drei Indikatoren messen die Anspannung im Preis-Trend-Verhältnis, und alle drei bestätigen sich gegenseitig.
Der Mayer Multiple Z-Score vergleicht den Bitcoin-Kurs (BTC) mit seinem 200-Tage-Durchschnitt. Der Wert fiel kürzlich auf etwa -1,5 Standardabweichungen. Dieser Bereich wurde in der jüngeren Vergangenheit erst zweimal erreicht.
Der erste Fall war im März 2020, bei etwa 3.000 USD. Der zweite war beim FTX-Kollaps Ende 2022, rund 19.000 USD. Aktuell wurde die Marke bei etwa 62.000 USD erreicht. Seitdem ist BTC wieder auf etwa 80.000 USD gestiegen.
Auch das Sharpe Ratio von Bitcoin bestätigt diese Entwicklung. Der Wert ist in das „Geringes Risiko“-Band gefallen. Dieser Bereich war in den Jahren 2015, 2019 und 2022 jeweils der Tiefpunkt im Zyklus.
Jede dieser vorherigen Marken ging einer deutlichen Aufwärtsbewegung voraus, auch wenn die Zahl der Fälle überschaubar bleibt.
Der Anteil des Bestands im Verlust ist laut In The Cryptoverse-Daten ebenfalls fast auf 39% gestiegen. Dieser Wert tauchte historisch nur in den späten Phasen von Bärenmärkten auf, nicht bei Kursen im sechsstelligen Bereich. Die Differenz zwischen dem Kurs und den Verlusten einiger Halter sticht als Anomalie in diesem Zyklus besonders hervor.
Der Bitcoin-200-Wochen-Durchschnitt bestätigt diesen Befund noch einmal. Diese Linie bildete in allen bisherigen Zyklen den Boden. Sie wurde 2018 kurz durchbrochen und 2020 sowie 2022 nur vorübergehend unterschritten. Diesmal wurde der Wert berührt und gehalten, ohne einen klaren Durchbruch nach unten.
Ein Bitcoin-Zyklus ohne Höhenrausch
Die aktuellen Kapitulationssignale sind besonders auffällig, weil der typische Gegenpol, also ein euphorischer Kurshöhepunkt, in diesem Zyklus fehlt.
Der CBBI Bitcoin Bull Run Index kombiniert verschiedene Zyklus-Metriken. Das Gesamtmaß erreichte in der aktuellen Phase nie seine rote Zone über 80. In den Bullenzyklen der Jahre 2013, 2017 und 2021 wurde dieser Wert jeweils klar überschritten. Im aktuellen Chart ist das Fehlen dieses Signals explizit mit einem X markiert.
Auch die Net Unrealized Profit and Loss (NUPL)-Daten von Glassnode zeichnen ein ähnliches Bild. Diese Metrik ordnet farblich Bereiche von blauer Euphorie bis zu roter Kapitulation zu. Die Expansion von 2024 bis 2026 endete im grünen „Glaube“-Bereich, ohne jemals das blaue Hoch zu erreichen.
Nach diesem Maßstab hat der Markt also nie das starke Gier-Niveau ausgebildet, das traditionell das Zyklus-Hoch anzeigt. Seitdem ist die NUPL-Metrik wieder gefallen und hat den orangen Bereich erreicht, der meist für die Phase eines Bärenmarkts oder den Tiefpunkt steht.
Dieser Verlauf ähnelt dem Muster der Jahre 2018 und 2022, obwohl sich die Kursverläufe deutlich unterscheiden.
Die Gruppe, die nicht verkaufen wollte
Das auffälligste Signal zeigt sich im Muster der langfristigen Halter.
Glassnode beschreibt langfristige Halter (LTH) als Wallets, die Coins mindestens 155 Tage gehalten haben. In jedem vorherigen Zyklus haben diese Halter ihre Coins vor allem nahe dem Höchststand verkauft. Dadurch sank der Bestand an langfristig gehaltenen Coins, weil neue Käufer die verfügbaren Coins aufgenommen haben. Dieses Muster zeigte sich klar in den Jahren 2014, 2018 und 2021.
In diesem Zyklus hat sich das Muster verändert. Der Bestand der langfristigen Halter ist im Jahr 2024 kurz gesunken, hat dann aber einen neuen Rekordwert von über 14,5 Millionen BTC erreicht. Langfristige Halter zeigen aktuell eine sehr hohe Überzeugung, obwohl der Kurs weiterhin deutlich über dem 200-Wochen-Durchschnitt liegt.
Dieses Muster erlaubt zwei mögliche Deutungen. Die bullische Interpretation sagt, dass langfristige Halter auf einen noch höheren Höchststand warten. Die strukturelle Sichtweise zeigt hingegen eine veränderte Zusammensetzung dieser Halter. Jetzt gehören dazu auch Cold Storage der ETF, staatliche Bestände und Unternehmens-Treasuries mit langfristigen Strategien.
Beide Sichtweisen stützen die Annahme eines neuen Zyklus. Keine Erklärung allein deutet jedoch auf einen weiteren Bärenmarkt auf dem aktuellen Niveau hin.
Ein asymmetrisches Szenario
Die Kombination aus sechs On-Chain-Charts ergibt aktuell ein ungewöhnliches Gesamtbild. In drei Kurs-basierten Metriken zeigen sich Signale, die typisch für eine Kapitulation sind.
In zwei Sentiment-basierten Metriken zeigen sich jedoch keine Anzeichen von Euphorie. Auch unter den langfristigen Haltern, die sonst ein Hoch anzeigen, findet keine Verteilung statt.
Solche drei Bedingungen treten nur sehr selten gemeinsam am Markt auf.
Die einfachste Version dieser Analyse sagt, dass Bitcoin gerade einen starken On-Chain-Reset hinter sich hat, ohne einen Höhepunkt der Euphorie zu erreichen. Gleichzeitig verweigern sich die Halter mit der größten Verkaufsbereitschaft einem Verkauf.
Historisch hat diese Kombination oft zu steigenden Kursen geführt.
Ein Gegeneinwand sollte erwähnt werden. Falls das Modell des Vierjahreszyklus wirklich gebrochen wurde, müsste das auch für die bisherigen Boden-Signale im Zyklus gelten.
Indikatoren wie Mayer Z, Sharpe Ratio oder Kapitulation gelten deshalb als Kaufsignale, weil sie eine wiederkehrende Marktpsychologie widerspiegeln. Ein strukturell anderer Zyklus könnte aber bedeuten, solche Signale sind weniger aussagekräftig als die bisherige Erfahrung vermuten lässt.
Für langfristige Beobachter zeigt das On-Chain-Gesamtbild dennoch ein asymmetrisches Chancen-Risiko-Verhältnis. Der Kurs liegt deutlich unter dem Zyklus-Hoch, bleibt aber über dem 200-Wochen-Durchschnitt.
Die Überzeugung der Halter ist weiterhin stark, außerdem gibt es seltene Kaufsignale. Egal, ob der Zyklus jetzt noch weiter steigt oder in eine längere Seitwärtsbewegung übergeht, die aktuellen Daten heben sich klar ab. Es ist das stimmigste On-Chain-Boden-Signal, das Bitcoin seit vielen Jahren gezeigt hat.